Was ist Tango Argentino?

Tango Argentino um 1910

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Tango Argentino als Postkartenmotiv, um 1910

Auch früher tanzte man gern Open Air

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Milonga auf der Avenida de Mayo, Buenos Aires

Carlos Gardel, der Superstar des Tango Argentino

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Carlos Gardel und Mona Maris im Film „Cuesta Abajo”, 1934

Tita Merello, berühmt für „Se dice de mí“

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Tita Merello, Tango-Sängerin und Schauspielerin

Die Größen der Epoca de Oro vereint

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Tango-Legenden: Osvaldo Fresedo, José Razzano, Aníbal Troilo, Francisco Canaro, Enrique Santos Discépolo, 1944

Juan D’Arienzo, „El Rey del Compás“

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Plattencover „Juan D’Arienzo y su orquesta tipica”

Du möchtest mehr über den echten Tango Argentino wissen?

Für viele Neu-Einsteiger stellt sich zunächst einmal die Frage, was genau Tango Argentino bedeutet und was ihn vom sogenannten Standard-Tango oder europäischen Tango unterscheidet. Im Gegensatz zum Standard-Tango, der nach festgelegten Schritten getanzt wird und den Regeln des europäischen Standardtanz-Programms folgt, ist der Tango Argentino ein freier und sehr individueller Improvisationstanz. Er ist ein Tanz des Volkes – auf Wettbewerbe wie bei den Standardtänzen kommt es nicht an, sie bleiben eher eine Ausnahme, da sie dem individuellen Wesen des Tango Argentino nicht wirklich entsprechen. Der Tango Argentino ist aber weit mehr als nur ein Tanz: er ist auch eine ganz eigenständige Musikgattung, für die Argentinien in der ganzen Welt bekannt ist. Außerdem gibt es eine eigene Tango-Poesie, die oftmals anspruchsvoll und sprachlich höchst interessant ist.

Der Tanz „Tango Argentino“ basiert auf den Körpersignalen des Führens und Folgens, wobei die Führung mit dem Brustkorb – nicht mit den Armen – erfolgt. Man tanzt keine festgelegten Choreografien oder Schrittkombinationen, was den Tango unendlich variabel und spannend macht. Natürlich gibt es auch die Variante des Bühnentango (Tango éscenario), der als eigene Gattung zur Unterhaltung des Publikums dient und oft spektakuläre akrobatische, vom klassischen Ballett oder Modern Dance beeinflusste Figuren enthält. ­Hier sind teilweise Choreografien nötig, schon allein wenn eine Tänzergruppe synchron tanzen soll.

Was allerdings von den vielen passionierten Hobby- und Profitänzern auf den Tanzflächen der öffentlichen Milongas (Tango-Tanzabende) beim Tango Argentino zelebriert wird, ist reine Improvisation und persönliche Interpretation der Musik. Mit jedem Partner, zu jeder Stimmung tanzt man anders. Die Schritte sind weich und elegant, die Oberkörper sind meist in enger Umarmung miteinander verbunden. Auch wenn die Beine oft komplizierte Bewegungen ausführen, ist das harmonische, musikalische Gehen im Paar die Basis des Tango Argentino.

Zur Entstehung des Tango Argentino

Wer Tango Argentino lernen und tanzen will, interessiert sich meist auch für die Geschichte dieses faszinierenden Tanzes. Der Tango Argentino entstand um 1900 im riesigen Mündungsgebiet des Río de la Plata, vor allem in den Großstädten Buenos Aires und Rosario (Argentinien) sowie in Montevideo (Uruguay). Die korrekte Bezeichnung wäre daher eigentlich „Tango ríoplatense“, also Tango vom Río de la Plata. Millionen von Einwanderern aus aller Welt, vor allem aus Europa, landeten damals in diesen drei Hafenstädten. Der größte Teil von ihnen waren Italiener und Spanier, zudem Franzosen, Engländer, Deutsche, Russen und Polen. Alle brachten die Musik ihrer Heimatländer mit und verschmolzen sie zu einer neuen Musikrichtung, die zudem starke Einflüsse der afrikanischen Bevölkerung erhielt, die schon seit den Zeiten der Sklaverei dort lebte. Es entstanden Stile wie Candombe, Canyengue und Milonga, die als Vorläufer oder frühe Urformen des Tango gelten. Das Wort Tango kommt vermutlich aus dem Afrikanischen und bedeutet „Trommel“, darüber gibt es jedoch verschiedene Theorien.

Besonders die Gruppe der italienischen Einwanderer trug wesentlich zur Entstehung des Tango Argentino bei. So wird klar, weshalb die meisten Tangomusiker und -Komponisten auch heute noch italienische Nachnamen tragen.

Wenn man heute Tango Argentino hört, kann man immer noch das Heimweh, die Melancholie und Einsamkeit der Einwanderer nachempfinden, die aus den Melodien und Texten erklingt. Elemente von neapolitanischen Canzoni, Wiener Walzer, Polka, Foxtrot und anderen Stilen wurden integriert. Schließlich formte sich der ganz eigene Klang, der vor allem auch durch das tango-typische Instrument – das Bandoneón, ein Instrument deutscher Herkunft – charakterisiert ist. Heute sind die wichtigsten Musik- und Tanzstile der Tango selbst, der Vals (Tango im Walzertakt) und die Milonga, eine schnelle, fröhliche Rhythmusvariante, die als die „Mutter” des Tango gilt.

Das goldene Zeitalter – die Época de Oro

Die Zeit ab Mitte der  30-er bis Ende der 40-er Jahre des vorigen Jahrhunderts gilt als goldene Epoche des Tango, die Época de Oro. Es entstand eine große Vielfalt an Orchestern und tausende von Kompositionen und Texten, der Tango Argentino wurde überall live gespielt und in der ganzen Welt berühmt. Er wurde zum Modetanz der Stunde, in Buenos Aires, Paris, Berlin, Tokio oder Helsinki. Zeitweise wurde der Tangotanz vom Papst verboten, da er als zu erotisch angesehen wurde. Das konnte seiner Beliebtheit jedoch wenig anhaben!

Juan d’Arienzo, Carlos di Sarli, Osvaldo Pugliese und Aníbal Troilo – als zentrale Figur des Tango – waren die großen vier Orchester-Leiter jener Zeit. Sie komponierten oft selbst und verliehen ihrem jeweiligen Orchester (Orquesta típica) einen unverwechselbaren Klang. Weitere Namen der berühmtesten Musiker findet ihr in unserem Tangolexikon. Allen voran steht der argentinische Sänger und Nationalheld Carlos Gardel, der als erster einen gesungenen Tango über die Maßen populär machte und später auch in mehreren Tango-Filmen glänzte.

Nach der Época de Oro folgten weitere kreative Jahrzehnte. Gegen Ende der 50-er Jahre verlor der Tango langsam an Popularität, der Rock’n Roll und später die Popmusik kamen auf. Astor Piazzolla gab dem Tango Argentino noch einmal neue Impulse und machte ihn konzertanter, auch viele Jazzfans waren von seinem „Tango Nuevo“ begeistert. Das argentinische Volk war allerdings geteilter Meinung, da seine Kompositionen als nicht tanzbar galten.

Zeit der „Siesta” und Neubeginn

Während der düsteren Zeit der argentinischen Militärdiktatur von 1976-83 kam die Tangokultur fast völlig zum Erliegen, da öffentliche Versammlungen verboten waren. Trotzdem gab es einen „Kern” von Personen, die den Tango weiter am Leben erhielten. Mitte der 80-er Jahre jedoch erlebte der Tango eine Renaissance: die argentinische Showproduktion „Tango Argentino” tourte durch die ganze Welt und fand viele Anhänger, die wieder Tango tanzen lernen wollten. Es wurden Tanzschulen für Tango Argentino gegründet und junge Musiker lernten die Musik ihrer Großväter zu spielen. Auch wurden erneut zahlreiche öffentliche Milongas (Tango-Tanzfeste) eingerichtet.

Anfang 2000 wurde eine neue Musikrichtung populär: die in Paris lebenden Exil-Argentinier Gotan Project erfanden den „Electrotango”, der sich bald einen festen Platz in allen Club-Charts eroberte und damit das Interesse am Tango Argentino vervielfachte. Weitere Bands wie Otros Aires folgten dem Konzept und auch der Tangotanz wurde dazu passend weiterentwickelt. Man tanzte viel „Neotango” oder „Tango Nuevo”, der durch ausladende, weiche Bewegungen und oftmals Aufgabe der eigenen Körperachse gekennzeichnet ist.

Der Tango Argentino heute

Inzwischen ist der Neotango und Electrotango vor allem in Argentinien nicht mehr ganz so häufig auf den Milongas vertreten und man kehrt zurück zu den Wurzeln, also zum traditionellen Tango – wobei in den Tanz viele Elemente des Neotango eingeflossen sind. Man legt auch allgemein wieder mehr Wert auf die traditionell überlieferten Códigos de la Milonga, die Milonga-Spielregeln für eine harmonische Tanzpiste. Weitere Tango-Argentino-Stile, die heute getanzt und auch vermischt werden, sind: Tango de Salon, Tango Milonguero oder Canyengue – mehr Info dazu in unserem Tangolexikon.

Junge Tango-Orchester und -Musiker haben mit virtuosen Interpretationen traditioneller Tangos und Eigenkompositionen viele neue Fans auf ihren Reisen um die Welt erobert, z. B. das Sexteto Milonguero, Carlos Quilici y los Tauras, Cuarteto Mulenga, Orquesta Tipica Victoria und viele andere (mehr Info unter Tango-Konzerte.)

Heute kann man in Argentinien, aber auch in allen größeren Städten der ganzen Welt Tango tanzen. Dank der weltweiten medialen Verbreitung findet man nun auch an den entlegensten Orten Milongas und Anhänger des Tango Argentino.

Lektüre und Filme zum Tango Argentino

Wer mehr über den Tango Argentino erfahren möchte, dem empfehlen wir die Webseite Todo Tango: Eine Enzyklopädie, auf der man alles über Musiker, Orchester, Tango-Titel, Texte etc. nachlesen kann.

Auf dem Autorenportal Pagewizz haben wir einen Artikel über Tango Argentino veröffentlicht, der weitere interessante Details zur Geschichte des Tango enthält.

Sachbücher: Tango von Horacio Salas, Tango-Geschichten von Michael Lavocah, Tango – Verweigerung und Trauer von Dieter Reichardt
Romane: Tango im Himmel von Elsa Osorio, Drei Minuten mit der Wirklichkeit von Wolfram Fleischhauer
Zeitschriften: Tangodanza (deutsch), El Tangauta (spanisch)

Filme aus dem goldenen Zeitalter des Tango: Las Luces de Buenos Aires mit Carlos Gardel, Tango Bar mit Carlos Gardel
Zeitgenössische Filme: Tango Lesson von Sally Potter mit Pablo Verón, Assassination Tango mit Robert Duvall, 12 Tangos – Adios Buenos Aires von Arne Birkenstock mit Musik von Luis Borda, Der letzte Applaus von Germán Kral, Tango Libre mit Chicho Frumboli.

Die fünf beliebtesten Tango-Titel zum Tanzen: Bahia Blanca, Poema, Remembranzas, Paciencia, Desde el Alma. (Quelle: TangoTecnia)

Wir wünschen euch viel Spaß beim Entdecken der faszinierenden Welt des Tango Argentino!